Bas Armagnac Laberdolive 1923 Dom. de Jaurrey (~80er/90er-Jahre) 40%
Geruch: Meine Güte, so soll perfekt elegant-intensiver alter Cognac wohl sein. Aber halt, das ist ein Laberdolive. Wir haben also wunderbare Aromen von Heidelbeere, Schwarzbeere und etwas Kirsche. Die Pflaume ist saftig und reif ebenfalls vernehmbar. Zarte Kräuter, trockener Waldboden. Wunderbare Edelholznoten und tatsächlich, ein Hauch laberdolivetypischer Wachsigkeit. Nach einer Stunde mit frischem Sauerstoff gesellt sich dann noch Zimt zum Aromenarrangement. Das Ganze wirkt unglaublich edel und intensiv. Der Carafe de Siecles von Lacquy vom Stil her nicht unähnlich. Aber in einer edel-feinen Frische der Sonderklasse. Der Armagnac macht auch wunderbare Legs im Glas, die Farbe ist von satter Dunkelbronze geprägt.
Der Duft wird immer reichhaltiger und vielfältiger, je länger dieser Stoff im Glas liegt und atmen kann. Vielleicht noch beeindruckender als der schon außergewöhnliche 1946er-Laberdolive (weil eine Spur mehr Dunkelfrucht) oder die Armagnac-Träne von Darroze (weil die Balance zwischen Dunkelfrucht und Kräuter- sowie Edelholz-Aromen noch ein Spürchen frappierender ist). Dieser Laberdolive aus dem Jahr 2023 ist ganz einfach unglaublich schön und perfekt. Tja, ist das nun mein erster Achtundneunziger im Geruchseindruck?
Geschmack: Nach dieser unüberbietbar schönen Nase kann der Armagnac am Gaumen eigentlich nur verlieren. Gemach. Der historische Armagnac kommt sehr ölig und erstaunlich frisch in den Mundraum, wo sich wie in der Nase eine Aromenwolke des Wohlwollens entwickelt: Beeren, Kirsche, Pflaume, feinste Kräuter, ganz zartes Wachs, edelste Hölzer. Zimt. Wunderbar intensiv, wunderbar fein und wunderbar austariert. So soll und kann eine alte Spirituose also sein. Es ist auch am Gaumen sehr eindrucksvoll, wie sehr sich die Aromen bei einem zweiten Schluck wieder anders arrangieren und was alles noch auftaucht. Ein sehr sanfter, jedoch enorm intensiver Armagnac.
Abgang: Beim ersten Test dachte ich: Ok, der Ausklang ist jetzt tatsächlich nicht so eindrucksvoll. Erstaunlicherweise kehrt die Sanftheit dann aber nach einigen Minuten mit den feinsten Aromen plötzlich wieder. Irgendwie bahnt sich der Aromenhauch wieder den Weg nach oben, ehe das Arrangement unterschiedlichster Düfte endgültig verklingt. Der Abgang beschließt ganz einfach ohne neuen Höhepunkt die laberdolivsche Aromenreise der Sonderklasse.
Fazit: Die Nase ist unvergleichlich schön und doch auch "typisch Laberdolive", allerdings in Vollendung. Weshalb ich erstmals 98 Punkte vergebe. Am Gaumen ist dieser Armagnac frappierend frisch, lebendig, fruchtig und edel-würzig. 97.5 Spirithimmelspunkte für mich. Der Abgang beschließt ganz einfach die Aromenreise der Sonderklasse, was mir 97 Punkte wert ist. Der beste Laberdolive, den ich bisher hatte? In seiner Ausgewogenheit und puren Schönheit, ja. Der beste Spirit, den ich bisher hatte? Im Geruchserlebnis ja, im Gesamturteil mit 97.5 Punkten zweifellos unter den Top 5 meiner bisherigen spirituellen Laufbahn mit Whiske(y)s, Cognacs und Armagnacs.
Abseits allen Rankens und Punktevergebens: Dieser Laberdolive ist ganz einfach ein wunderschöner Spirit. Herrlich dunkelfruchtig mit wunderbarem Edelholz, so wie es die besten Armagnacs zu bieten haben. Wunderbar hell-fruchtig mit Zimtaromen, so wie es die schönsten Cognacs bieten. Herrlich würzig und zart-wachsig, wie es Speysider der Siebzigerjahre zustande bringen. Und vor allem eigenständig und enorm changierend im Zeitverlauf. Es ist einfach wunderschön, solche Spirits in der Sammlung haben und jederzeit kosten zu können. Das macht das Leben eines Spirit-Genießers aus und sorgt dabei für die raren Höhepunkte. Amen.